Systemischer Lupus Erythematodes (SLE)/juveniler SLE/Diskoider Lupus Erythematodes

Strahlenklinik

Direktor:
Prof. Dr. med. Rainer Fietkau

 

 

 

Eigene Untersuchungen auf Strahlenempfindlichkeit:

Auf dem Schaubild sind die vom Labor gemessenen individuellen Strahlenempfindlichkeiten von Gesunden ohne Tumor und von Patienten mit einem Rektumkarzinom jeweils als Glockenkurve abgebildet und sollen hier lediglich der Orientierung und dem Vergleich dienen.
Ab einer individuellen Strahlenempfindlichkeit von 0,55 Gy (im Schaubild durch einen senkrechten Strich markiert) wird eine Reduktion der täglichen Strahlendosis bei der Radiotherapie von Tumoren empfohlen.
Die bereits vom Labor ermittelten Werte für die individuelle Strahlenempfindlichkeit von Lupus-Patienten mit einem Tumor sind diesen beiden Kurven als Kästchen gegenübergestellt.
Jedes dieser Kästchen steht für einen Patienten, der auf Strahlenempfindlichkeit getestet wurde. Sind Kästchen nach oben verschoben, stehen sie für mehrere Patienten entsprechend um wie viel Kästchen sie nach oben gerutscht sind.

Bereits 14 Tumorpatienten mit Systemischem Lupus Erythematodes (SLE) wurden vom Labor auf ihre individuelle Strahlenempfindlichkeit getestet. Neun der 14 Patienten (64%) wiesen wiesen eine erhöhte Strahlenempfindlichkeit auf, sechs Patienten davon waren sogar deutlich strahlenempfindlich.

Diese Untersuchungsergebnisse sprechen deutlich für eine erhöhte individuelle Strahlenempfindlichkeit bei am Systemischen Lupus Erythematodes erkrankten Patienten.

Literatur zu Strahlenempfindlichkeitsmessungen:

Laut einer in Studie scheinen Lymphozyten von Patienten mit einer Autoimmunerkrankung, wie dem Systemischen Lupus Erythematodes, strahlenempfindlicher zu sein, als die von gesunden Probanden. Radiosensitivity of Peripheral Blood Lymphocytes in Autoimmune Disease

Dieses Untersuchungsergebnis deckt sich mit denen des Labors, bei der die individuelle Strahlenempfindlichkeit mit einer anderen Methode, jedoch ebenfalls an Lymphozyten, untersucht wird.

In einer anderen "in vitro"-Studie, in der Doppelstrangbrüche von Lymphozyten von SLE-Patienten und gesunden Kontrollen untersucht worden sind, wurde keine höhere intrinsische Radiosensitivität festgestellt. Daraus wurde - aufgrund des in-vitro-Studiendesigns mit Vorsicht zu betrachten - geschlossen, dass eine Strahlentherapie bei SLE-Patienten nicht gemieden werden muss, sollte die Bestrahlung klinisch notwendig sein. In-vitro radiosensitivity in patients with systemic lupus erythematosus

Bei Kindern mit juvenilem Systemischen Lupus Erythematodes lagen bei einer Studie nach einer Bestrahlung mit Anschließender Reparaturzeit signifikant mehr DNA-Schäden in den Blutlymphozyten vor, als bei Probanden ohne Autoimmunerkrankung. Delayed repair of DNA damage by ionizing radiation in cells from patients with juvenile systemic lupus erythematosus and rheumatoid arthritis

Literatur zu klinischen Fallberichten/Strahlenfolgen:

Bei Patienten mit Systemischem Lupus Erythematodes, die aufgrund eines Karzinoms bestrahlt worden sind, wurde ein deutlich häufigeres Auftreten von Spätreaktionen festgestellt. Akute und chronische Strahlenfolgen bie Patienten mit Kollagenosen   

Dies deckt sich in Teilen mit den Erkenntnissen, die in einer anderen Studie gewonnen wurden. Hier wird zusätzlich vermutet, dass Patienten, die unter einem fortgeschrittenen SLE leiden, ein erhöhtes Risiko für chronische Spätfolgen einer Strahlentherapie haben können. Das Risiko, an akuten oder/und chronischen Spätreaktionen zu leiden, sei moderat, wäre allerdings keine ausreichende Begründung, die Strahlentherapie bei SLE-Patienten grundsätzlich zu meiden.

Von den 21 untersuchten SLE-Patienten, die eine jeweils vergleichbare Strahlentherapie und ein niedrig dosiertes Prostata-Implantat zur Therapie ihres Prostatakarzinoms erhalten hatten, konnte bei acht Patienten eine akute Radiotoxizität während der Strahlentherapie festgestellt werden, bei der Hälfte dieser acht Patienten traten höhere Toxizitätsgrade (3 und größer) auf. Innerhalb der auf die Strahlentherapie folgenden 5 bzw. 10 Jahren entwickelten 45% bzw. 40% der bestrahlten Patienten chronische Spätfolgen der Radiotherapie. Risikofaktoren für chronische Toxizitäten seien eine SLE-Nierenbeteiligung und möglicherweise viele erfüllte SLE-Kriterien der American Rheumatism Association. Ferner würde das Fehlen einer Photosensibilität, das Fehlen einer Arthritis sowie das Vorhandensein eines SLE-typischen Schmetterlingerythems Risikofaktoren für eine höhergradige Toxizität darstellen. Systemic lupus erythematosus, radiotherapy, and the risk of acute and chronic toxicity: the Mayo Clinic Experience

In einer retrospektiven Matched-Control-Studie konnte keine erhöhte Inzidenz akuter oder chronischer Strahlenfolgen bei insgesamt 21 SLE-Patienten im Vergleich zu ihren jeweils zugeordneten Kontrollpatienten festgestellt werden. Matched-Control Retrospective Study of the Acute and Late Complications in Patients with Collagen Vascular Diseases Treated with Radiation Therapy

In einer Literaturauswertung, bei der drei Strahlenonkologen unter bestimmten Bedingungen (u.a. Verblindung bzgl. der Diagnose SLE) die Indikation zur Strahlentherapie überprüften, wurde herausgefunden, dass viele SLE-Patienten mit Tumor keine kurative oder symptomatische Radiotherapie erhielten. 65% der retrospektiv begutachteten SLE-Patienten hätten laut der Strahlenonkologen eine Radiotherapie erhalten können, nur 10% erhielten sie. Es wurde die Hypothese aufgestellt, das Lupus-Patienten mit Krebs Strahlentherapien in unangemessener Weise vorenthalten werden würden. Role of radiation therapy in patients with a diagnosis of both systemic lupus erythematosus and cancer

Eine Studie, die von 12 Patienten mit Diskoidem Lupus Erythematodes (DLE), die aufgrund eines Tumors bestrahlt worden sind, berichtet, kam es bei 67% der Patienten zu einer akuten Toxizität, bei der Hälfte gab es Hautreaktionen ersten oder zweiten Grades. Späte Strahlenreaktionen traten bei 58% der Patienten auf, 42% entwickelten chronische Hautschäden. Kein Patient entwickelte höhergradige Hautschäden dritten oder vierten Grades, kein Patient, der in diese Studie eingeschlossen worden ist, wies eine Exazerbation oder die Entwicklung einer DLE-typischen diskoiden Hautläsion im Bestrahlungsfeld auf. Das Risiko, höhergradige Spättoxizitäten zu entwickeln, schien etwas höher als das von Patienten ohne DLE zu sein, der Unterschied stellte sich aber als statistisch nicht signifikant heraus. Es wurde die Hypothese aufgestellt, dass für DLE-Patienten kein erhöhtes Risiko für akute oder chronische Strahlenreaktionen der Haut oder der inneren Organe besteht. Schwerere Spätreaktionen scheinen nicht in Relation mit dem DLE zu stehen, wie vorerst angenommen und in anderen Studien berichtet, da sich die Untersuchungsergebnisse nicht wesentlich von den Kontrollen unterschieden haben. Daraus sei zu schließen, dass der DLE keine absolute Kontraindikation für eine Bestrahlung ist. Dennoch sei aufgrund anderer Fallberichte Vorsicht geboten, sollten bereits diskoide Läsionen im Strahlenfeld liegen. Ob eine Strahlentherapie infrage kommt, müsse allerdings individuell für jeden Patienten neu entschieden werden. Acute and late toxicities of radiotherapy for patients with discoid lupus erythematosus: a retrospective case-control study

In einem Fallbericht wird ein Fall beschrieben, bei dem ein DLE-Patient aufgrund einer Tumorerkrankung bestrahlt wurde und nach zehn Tagen eine für den DLE typische, diskoide Hautläsion entwickelte, die sich genau im Bestrahlungsfeld befand. Discoid lupus erythematosus exacerbated by x-ray irradiation

Ein ähnlicher Fall wurde in einem anderen Fallberich über einen DLE-Patienten beschrieben. Discoid lupus erythematosus exacerbated by radiation therapy

Schwere Hautreaktionen und schwere Mukositiden im Bestrahlungsbereich wurden nach der Behandlung eines Wangenschleimhautkarzinoms bei einem Patienten mit chronischem DLE beschrieben. complication of the use of radiation for malignant neoplasia in chronic discoid lupus erythematosus

Schlussfolgerung bzgl. Testung auf Strahlenempfindlichkeit:

Unter den rheumatischen Erkrankungen scheint besonders bei Lupus-Patienten eine Untersuchung der individuellen Strahlenempfindlichkeit aufgrund der Untersuchungsergebnisse des Labors und verschiedenster klinischer Fallberichte indiziert zu sein.